Das Herzstück

Über die Erde

Ein Gedicht von Martin Auer

Dieses Gedicht hat der Seite ihren Namen gegeben. Hier findest du es zweifach: im Mundart-Original und auf Hochdeutsch.

Mundart — „Über die Erden”
Über die Erden muaßt barfuß gehn.
Ziagd'Schuach aus, die machen di blind!
Dann kannst den Weg mit die Zechn sehn,
des Wasser, den Wind…
Sollst mit die Sohln auf d'Staner steign,
mit der nackerten Haut.
Wird dir die Erden aa bald zeign,
daßs' dir vertraut.
Gspür des nasse Gras auf die Füaß,
gspür, wie trocken is der Staub.
Gspür, wie dich streichelt das Moos so süaß,
gspür, wie's knistert im Laub.
In 'n Bach muaßt einesteign,
durchs Wasser muaßt auffegehn,
untern Wasserfall muaßt di stelln mit 'm Gsicht in die Höh,
mit der Wangen auf d' Erd in die Sunn di legn.
Lieg ganz still, riach die Erden und gspür,
wie aufsteigt aus ihr a riesige Ruah.
Und dann is die Erden ganz nah bei dir
und du waßt, du ghörst zu allem dazua.

Hochdeutsch — „Über die Erde”
Über die Erde sollst du barfuß gehen.
Zieh die Schuhe aus, Schuhe machen dich blind.
Du kannst doch den Weg mit deinen Zehen sehen
auch das Wasser und den Wind.
Sollst mit deinen Sohlen die Sterne berühren,
mit ganz nackter Haut.
Dann wirst du bald spüren,
dass dir die Erde vertraut.
Spür das nasse Gras unter deinen Füßen
und den trockenen Staub.
Laß dir vom Moos die Sohlen streicheln und küssen
und fühl das Knistern im Laub.
Steig hinein, steig hinein in den Bach
und lauf aufwärts dem Wasser entgegen.
Halt dein Gesicht unter den Wasserfall.
Und dann sollst du dich in die Sonne legen.
Leg deine Wange an die Erde, riech ihren Duft und spür,
wie aufsteigt aus ihr eine ganz große Ruh’.
Und dann ist die Erde ganz nah bei dir,
und du weißt: Du bist ein Teil von Allem und gehörst dazu.

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